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Buchvorstellung mit Stanisław Krajewski

Akademie für europäischen Menschenrechtsschutz

Am 10. März 2025 war Stanisław Krajewski, Professor für Philosophie an der Universität Warschau, zu Gast an der Akademie für europäischen Menschenrechtsschutz der Universität zu Köln und stellte sein 2024 erschienenes Buch Small Numbers, Big Presence: Jews in Poland after World War II (Peter Lang) vor. Vor dem Hintergrund der großen Bedeutung des polnischen Judentums für jüdische religiöse Traditionen einerseits und dessen fast vollständiger Vernichtung in der Shoah andererseits zeichnet Stanisław Krajewski, geprägt durch seine persönlichen Erfahrungen, darin die Entwicklung jüdischen Lebens in Polen von 1945 bis heute nach. In seinem Vortrag gab er einen Überblick über die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg, die er als neues, wenn auch schmaleres Kapitel in der tausendjährigen Geschichte jüdischen Lebens in Polen beschreibt, wobei er insbesondere auf Fragen der Erinnerung einging.

Als ein erstes einschneidendes Ereignis macht Stanisław Krajewski die von der Führung der Kommunistischen Partei initiierte antisemitische Kampagne des Jahres 1968 aus. Bis dahin war unter polnischen Juden, die die Shoah und den Krieg überlebt und sich gegen die Emigration entschieden hatten, ein Streben nach Assimilation und „Flucht vor der Erinnerung“ an die jüdischen Wurzeln bestimmend gewesen. Viele hatten sich so dem in Polen damals herrschenden Kommunismus zugewandt, wobei sie üblicherweise „so nicht-jüdisch wie möglich“ zu sein versuchten. Die antijüdische Hetzkampagne des Jahres 1968, in deren Folge sich mindestens 13.000 Menschen dazu gezwungen sahen, das Land zu verlassen, stellte einen Wendepunkt dar und wurde für die jüdische Nachkriegsgeneration, der auch der Autor angehört, zu einer prägenden Erfahrung.

Während jüdische Institutionen bis 1989 in Polen zwar noch kaum sichtbar bzw. in einer Krise waren, begann nach der Wende vor dem beschriebenen Hintergrund ein bis heute andauernder Prozess, den Krajewski als De-Assimilation bezeichnet: eine (Wieder-)Annährung an die eigenen jüdischen Wurzeln, eine immer größere Bedeutung des Jüdischen für die eigene Identität, die neben die polnische Identität tritt, ohne jene abzulösen oder zurückzudrängen. Diese Entwicklung ging und geht einher mit einem stark wachsenden generellen Interesse in Polen für alles Jüdische. Einer der Faktoren, der die De-Assimilation beförderte, war auch das Interesse der Katholischen Kirche an einem Dialog mit Menschen jüdischen Glaubens. Als Mitbegründer des Polish Council of Christians and Jews im Jahre 1989 engagiert sich Stanisław Krajewski bis heute für christlich-jüdische Begegnung in Polen. Auf einige der Herausforderungen im Dialog, aber auch seine konkreten Formen kam er am Ende seines Vortrags zu sprechen. Im anschließenden Gespräch, das Angelika Nußberger, Direktorin der Akademie für europäischen Menschenrechtsschutz, moderierte, konnten diese und weitere Fragen vertieft werden.

Die Veranstaltung war eine Kooperation zwischen der Zweigstelle Köln-Bonn der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) und dem Lew Kopelew Forum. Sie wurde im Rahmen des Forschungsprojekts Memocracy – The Challenge of Populist Memory Politics for Europe: Towards Effective Responses to Militant Legislation on the Past gefördert.

Bericht: Laura Jäckel